Zukunftsfähige Finanzwirtschaft erfordert Technologie

Nachhaltigkeit hat sich rasant zum Top-Thema auf der Agenda der Unternehmensentscheider entwickelt: 83 Prozent der CEOs erwarten etwa, dass nachhaltige Investments in den kommenden Jahren deutlich verbesserte wirtschaftliche Ergebnisse liefern werden. Mehr als die Hälfte aller CEOs über alle Branchen hinweg nennen Nachhaltigkeit als Top-Priorität, verglichen mit 32 Prozent zum Vorjahr 2021. Dies zeigt die neue CEO-Studie vom IBM Institute of Business Value (IBV), bei der weltweit über 3.000 CEOs interviewt worden sind. Hierbei spielen vor allem Entscheider der Finanzwirtschaft eine Schlüsselrolle – und das weit über die Welt der Finanzinstitute hinaus. Seit diesem Jahr greift im Rahmen des Green Deals der Europäischen Union die EU-Taxonomie-Verordnung. Ziel ist es, Kapitalflüsse in ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten zu lenken. Über gezielte Milliarden-Investitionen sollen eine deutliche Absenkung des CO2-Ausstoßes erreicht und bis 2050 weitestgehend auf den Ausstoß von Treibhausgasen verzichtet werden. Berichtspflichten für Unternehmen stehen im Fokus, die Anlegern, Kunden und Partnern Transparenz bieten und den Umbau sämtlicher Wirtschaftssektoren beschleunigen werden. Erste Anforderungen der EU-Taxonomie gelten bereits seit dem 1. Januar 2022.

 Finanzunternehmen stehen im Fokus. Sie müssen einerseits selbst nachhaltiger werden – ihre eigenen Ziele entlang der ESG-Anforderungen definieren, Maßnahmen treiben und Fortschritt reporten. Andererseits sind sie mit dem Inkrafttreten der EU-Taxonomie die zentralen Akteure, die Unternehmen bei der nachhaltigen Transformation über Kapital fördern.

 Finanzinstitute müssen eigene Emissionen reduzieren: Rechenzentren-Optimierung

 Doch was kann ein Finanzunternehmen innerhalb seiner eigenen Organisation tun, um die Nachhaltigkeit zu verbessern? Längst bekannt ist, dass rund 80 Prozent der Emissionen von Banken allein durch die Rechenzentren verursacht werden. Daher hat das Kreditinstitut BBVA gemeinsam mit IBM die Mikroprozessoren in seinen Rechenzentren in Spanien und Mexiko erneuert. Damit verbraucht die BBVA bereits jetzt schon 50 Prozent weniger Energie als zuvor. In nur fünf Jahren reduziert das Kreditinstitut insgesamt 497 Tonnen CO2.

Eine Gebäudemanagement-Software kann zusätzlich helfen, die Effizienz in Bereichen wie Energie, Wasser, Material und Abfallvermeidung zu maximieren. KI-gestützte Automatisierungsfunktionen lassen sich zur Optimierung von IT und Geschäftsprozessen einsetzen. Allein durch die Optimierung von Abläufen können CO2-Emissionen mehr als halbiert werden. Ebenso können CO2-Emissionen in Rechenzentren sogar um bis zu 90 Prozent gesenkt werden, indem Algorithmen verwendet werden, die mit gewichtbaren Leistungsindikatoren sowohl klassische Kostenfaktoren bei der Organisation von Auslastungen als auch die Verfügbarkeit von nachhaltiger Energie in Betracht ziehen und eine Vorhersage der Kohlenstoffintensität beim Verschieben von Arbeitsaufwänden berücksichtigen.

Indirekte Emissionen senken, Nachhaltigkeit finanzieren: Finanzwelt am Hebel

Investitionen im Bereich Nachhaltigkeit werden in den kommenden Jahren deutlich zunehmen, denn Kapital ist entscheidend für die Finanzierung „grüner“ Projekte, die Minimierung klimabedingter finanzieller Risiken und die Verbesserung und Rationalisierung von Abläufen – sei es in der Fabrik, im Büro oder im Labor. Die Frage, was im Einzelnen als nachhaltig eingestuft wird, ist detailliert in der EU-Taxonomie geregelt. Dies führt zu einer massiven Verschiebung von Investitionen: Das Glasgow Financial Alliance for Net Zero (GFANZ) prognostiziert eine Verdreifachung der jährlichen Investitionen in saubere Energien bis 2030 auf rund vier Billionen US-Dollar. Doch wie können diesbezüglich Investitionsziele identifiziert, validiert, kontrolliert und gegebenenfalls aktiv von Investoren im Sinne von Nachhaltigkeit entwickelt werden?

Offenlegung klimabezogener Aktivitäten

 Mit der EU-Taxonomie-Verordnung ergeben sich neue Berichtspflichten für Unternehmen: Kapitalmarktorientierte Organisationen mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen qualitative Angaben darüber machen, in welchem Umfang ihre Wirtschaftsaktivitäten nachhaltig im Sinne der Taxonomie-Ziele sind. Dies betrifft zunächst die Ziele im Bereich Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel. Als konform gilt eine Aktivität dann, wenn sie einen wesentlichen Beitrag zu den Zielen leistet und keines der anderen Ziele wesentlich beeinträchtigt. Damit werden Nachhaltigkeits- und Finanzberichterstattung erstmals auf die gleiche Ebene gestellt, sodass die Finanzierung nachhaltiger Aktivitäten von den Finanzmarktakteuren wahrgenommen und die Transparenz in Bezug auf nachhaltige Aktivitäten deutlich erhöht werden kann.

Viele Unternehmen sind allerdings noch gar nicht in der Lage, die erforderlichen Informationen effizient und vollständig zusammenzustellen, geschweige denn einen rechtssicheren Bericht auf dieser Grundlage zu erstellen. Und so fehlt derzeit für Tausende von Unternehmen ein wesentliches Dokument, um nach der EU-Taxonomie als „finanzierungswürdig“ eingestuft zu werden. ESG-Transformationsfinanzierungen werden jedoch sowohl für die nachhaltige Transformation von Geschäftsmodellen als auch von Assets wie beispielsweise Gewerbeimmobilien und Produktionsanlagen benötigt.

Ein IT-gestütztes Nachhaltigkeitsdatenmanagement und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren – vor allem aber zwischen Finanzinstituten und Unternehmen – sind daher dringend erforderlich. Allein diese Voraussetzungen sind notwendig, um überhaupt gesetzeskonform investieren zu können und die nachhaltige Transformation anderer Unternehmen aktiv mitzugestalten. Dabei müssen Finanzinstitute mit ihren Kunden neue Risiken bewerten: Welche Klimarisiken bestehen? Wie ist der tatsächliche CO2-Fußabdruck? Welcher Beitrag wird zur Klimaanpassung geleistet? Wie transparent sind die Risiken über die verschiedenen Lieferantenebenen hinweg? IBM bietet diesbezüglich ein Portfolio verschiedenster Technologien – von KI getriebenem Nachhaltigkeitsmanagement- und Reporting-Lösungen (u. a. Envizi) bis hin zu gesamtheitlichen Sustainability-Plattformen.

Nichts für die Glaskugel: Klimarisiken bewerten

Die Bewertung von Klimarisiken und ihre finanziellen Auswirkungen ist komplex. Sie erfordert die richtigen, validierten Daten, Tools und Fähigkeiten, um umsetzbare Erkenntnisse zu gewinnen. Kleine und mittelständische Unternehmen haben allerdings oft nicht die Kapazität, Details hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit zusammenzutragen und an ihre Bank zu berichten. Die britische Großbank HSBC und IBM haben daher die FAST Infra-Initiative für Mikrokredite aufgesetzt. Sie unterstützt Unternehmen, die nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, ihre Nachhaltigkeitsdaten transparent zu machen und Investoren anzuwerben. Technologieplattformen und Cloud-Anwendungen sind in diesem Rahmen ein wesentlicher Bestandteil wichtiger Investitionsentscheidungen. Ein positiver Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft zugunsten des weltweiten Klimas wird gefördert. Finanzinstitute können die Reduzierung der Kohlenstoffemissionen dabei gleich mehrfach vorantreiben: Zum einen, indem nachhaltige Geschäftsideen forciert und so insbesondere auch klimabedingte finanzielle Risiken minimiert werden. Zugleich sorgen innovative Technologien für eine verbesserte datengestützte Entscheidungsfindung nebst Definition und Realisierung nachhaltiger Finanzstrategien.

Dynamische Datenerfassung und optimierte Analyse

In den meisten Fällen sind Finanz- und Geschäftsentscheidungsprozesse nach wie vor manuell aufgesetzt und gestalten sich mühsam, da sie auf fragmentierten Systemlandschaften oder unvollständigen Datensätzen basieren. Gesucht wird daher eine Technologie, die Systeme und Daten nahtlos zusammenführt, Silos überwindet und die Analyse von Klimarisiken verbessert. Ratsam sind Lösungen, die sich an standardisierten KPIs, Benchmarks und Performance-Monitoring orientieren und die unterschiedlichen Branchengegebenheiten berücksichtigen können. Dies ermöglicht Akteuren im Finanzumfeld eine schnelle, konsistente, transparente und verlässliche Offenlegung klimabezogener finanzieller Risiken und eine datenbasierte Grundlage für Entscheidungen.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Kooperation von IBM und The Climate Service (TCS). Sie bieten eine Analyseoption für Klimarisiken, mit der Investoren und Unternehmen die mit dem Klimawandel verbundenen, finanziellen Risiken besser messen und quantifizieren können. Die TCS Climanomics-Plattform setzt auf IBM Garage, einer Design-Thinking-Methode von IBM, und Red Hat OpenShift auf und wird in der IBM Cloud gehostet. Der Klimadienst ermöglicht es Unternehmen, die Auswirkungen des Klimawandels konkret messbar zu machen, um eine Grundlage für Investitionsentscheidungen zu haben.

Wer Klimawandel und -risiken verstehen und nachhaltiger agieren will, benötigt die richtigen Daten und Technologien, um sicherzustellen, dass nützliche Erkenntnisse zutage treten und die richtigen Maßnahmen ergriffen werden können. Führungskräfte sind gefagt, Nachhaltigkeit als ein Kernelement ihrer Geschäftsstrategie zu betrachten. Sustainable Finance ist nicht nur die Zukunft, es ist bereits Realität. Aktionäre und Gesellschaft erwarten nachhaltige Ansätze und Lösungen, und immer mehr Regierungen erlassen konkretisierende Vorschriften.

 ESG-Portfolios gewinnen zunehmend an Bedeutung

 Der vielschichtige Begriff „Klimarisiko“ beschreibt zum einen das physische Risiko für Vermögenswerte – etwa durch steigende Temperaturen, Dürren, Stürme oder Überschwemmungen. Zum anderen müssen hinzukommende Risiken Beachtung finden, wenn Unternehmen etwa von einem kohlenstoffreichen zu einem kohlenstoffarmen oder sogar kohlenstofffreien Portfolio wechseln sowie Haftungsrisiken, die zunehmend zu finanziellen Sanktionen führen. Heutige Aktionäre wollen ihr Geld nicht in emissionsintensive oder risikobehaftete Anlagen investieren. Stattdessen gibt es eine stetig steigende Nachfrage nach umweltfreundlicheren und sozial verträglicheren ESG-Portfolios. Im Rahmen der ESG-Evaluierung, wird die unternehmerische Sozial- und Umweltverantwortung gemessen und offen dargelegt. Um relevant und erfolgreich zu sein, müssen Finanzinstitute ihr ESG-Modell neu aufsetzen und gegebenenfalls an aktuelle Anforderungen anpassen. Laut einer weiteren aktuellen Studie des IBM Institute for Business Value über „Nachhaltigkeit als Katalysator für den Wandel“ haben viele Unternehmen noch großen Nachholbedarf, wenn es um die Analyse und den Umgang mit Klimarisiken und -chancen geht. Zwar sind die Nachhaltigkeitsambitionen vielerorts groß – die Mehrheit aller Unternehmen hat eine Strategie formuliert. Aber nur 35 Prozent der Unternehmen haben bereits konkrete Handlungspläne. Skalierbare und passgenaue Technologie hilft, diese Lücke zu schließen und den Wandel zu meistern.

Wie lässt sich dies bewerkstelligen?

Ratsam ist es, in drei Schritten vorzugehen, die mit der Datenintegration und Validierung beginnen. Es folgt die Simulation der Möglichkeiten, das Nutzen und Verstehen der Daten und die Verbesserung der Kennzahlen. Am Ende steht das Reporting, die Integration in die eigene Operative und die Weitergabe nachhaltiger Produkte und Lösungen an Kunden und Partner. Hierdurch werden Finanzdienstleister zum Kern der nachhaltigen Transformation des gesamten Wirtschaftsnetzwerkes und ermöglichen ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten im Sinne der EU-Taxonomie.

Autoren: Elisabeth Goos, Executive Partner – Head of Industry Transformation, Sustainability and Enterprise Strategy DACH bei IBM und Marinela Bilic-Nosic, Executive Partner Banking – Regulatory, Risk, Compliance Lead DACH bei IBM.

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