Von der Orchidee zum Zebra

Sustainable Finance – Raus aus der Nische! Seit geraumer Zeit betonen einige Stimmen gerne, dass Sustainable Finance den Mainstream erreicht habe. Unbenommen ist seit der Aufweichung der Taxonomie durch die EU Kommission zur Jahreswende oder auch angesichts der aktuellen Greenwashing-Skandale in der Finanzbranche das Thema nachhaltiger Finanzstrukturen in aller Munde ist.

Leider erhöhen aber gerade diese negativen Beispiele die Gefahr, dass der Sprung aus der Nische nicht gelingen wird und wir die Möglichkeiten eines zukunftsfähigen Finanzsystems für die sozial-ökologische Transformation nicht gezielt werden nutzen können. Was es jetzt braucht:

Groß denken

Die Modifikation und in Teilen Neuausrichtung des Finanzsystems ist keine Aufgabe für zwischendurch. Ebensowenig wird sie sich kurzfristig bewältigen lassen. Um das gesamte Potential des Finanzsystems für das Gelingen der Transformation zu nutzen und es zukunftsfit zu machen, braucht es strukturell, inhaltlich und auch zeitlich umfassende und vorausschauende Planungen. Das fordert alle beteiligten Anspruchsgruppen und zwingt sie die Comfort Zone des kurzfristigen Horizonts zu verlassen. Sustainable Finance ist viel mehr als die Frage nach dem passenden Berichterstattungsrahmen, in der sich die aktuelle Diskussion wirtschaftsseitig zu weilen erschöpft. Die Herausforderungen bezüglich der Datenlage möchte ich in keinem Fall bestreiten. Aber wenn wir uns zu sehr im theoretischen Kleinklein verstricken , verlieren wir das große Ganze und nicht zuletzt das Umsetzen aus den Augen. Politisch darf nicht in Legislaturperioden gedacht werden, sondern es gilt im überparteilichen Dialog einen verbindlichen Kurs festzulegen und bei aller notwendigen Flexibilität, die ein laufender Prozess erfordert, beizubehalten. Es darf nicht nur durch die nationale Brille geschaut werden. Die Herausforderungen unserer Zeit sind globaler Natur und so müssen wir ihnen begegnen, als nationale Vorreiter*innen mit konsequentem Bewusstsein für unsere europäische und internationale Verantwortung.

Ambitioniert bleiben

Bereits seit Beginn der Covid-19-Pandemie und nochmals deutlich verstärkt vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine mehren sich wieder einmal die Stimmen, die einen vermeintlichen Wirtschaft First- Ansatz fordern und Sustainable Finance bzw. die gesamte Nachhaltigkeitsdebatte in die ökonomische und gesellschaftliche Peripherie schieben möchten. Hier gilt es konsequent dagegen zu halten und auf der unbedingten Verflochtenheit des sozial-ökologisch Gebotenen und des wirtschaftlich Sinnvollen zu bestehen. Es ist jetzt sicher nicht die Zeit in alte Bequemlichkeit zu verfallen. Viel mehr müssen wir uns gerade angesichts der geopolitisch hoch angespannten Lage stetig vor Augen führen, dass der bisher verpasste Aufbau widerstands- und zukunftsfähiger Wirtschaftsstrukturen einen Preis hat. Und dieser ist deutlich höher und schmerzhafter, als ein gezielter Strukturwandel zur richtigen Zeit. Für die anstehende Entscheidung bezüglich der europäischen Taxonomieverordnung bedeutet das, dass der aktuelle Vorschlag der EU- Kommission, der ein grünes Label für Atomkraft und fossiles Gas vorsieht, abgelehnt werden muss. Und nach all dem Frust der letzten Monate muss die europäische Staatengemeinschaft zurückfinden zum Ambitionsniveau und Gestaltungswillen, die die ersten Jahre des Action Plans on Sustainable Finance prägten.

Weiter machen

Sustainable Finance ist kein Spaziergang. Es geht nicht um den Auf- und Ausbau einer grünen Marktnische, über deren Wachstum man sich freuen kann, während parallel die selbst gesetzten Klimaziele über Bord geworfen werden. Sustainable Finance ist eine Haltung bezüglich der Rolle des Finanzsystems im Rahmen der Etablierung zukunftsfähiger Wirtschaftsstrukturen. Zukunftsfähig sind diese Strukturen – und ihre Finanzierung – nur, wenn sie uns Menschen und unserer Lebensgrundlage dienlich sind. An kaum einer anderen Debatte lässt sich diese Verflochtenheit eindringlicher aufzeigen, als am „nächsten großen Ding“ auf der Sustainable Finance Agenda: die Biodiversität. Was ist uns die biologische Vielfalt wert? Sie ist letztlich, daran lassen wissenschaftliche Erkenntnis keinen Zweifel, die Grundlage von Allem. Dennoch findet sie bzw. ihr Rückgang aufgrund negativer Auswirkungen durch unternehmerische Aktivitäten bisher noch keinen verbindlichen, geschweige denn standardisierten, Eingang in die Unternehmensbewertung. Das heißt, es muss weitergehen. Der Blick auf die Wirkung von Wertschöpfungsketten darf erweitert und vertieft werden. Neben den umfassenden ökologischen Herausforderungen wartet die Soziale Taxonomie auf ihre notwendige Umsetzung. Nicht aus ideologischen Gründen, nicht weil eine vermeintliche Ökodiktatur die moralische Keule auspackt, sondern weil es ökonomisch rational und verantwortungsvoll ist.

Autor:in

  • Kristina Jeromin studierte Politikwissenschaften und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Sie war von 2009 bis 2020 bei der Gruppe Deutsche Börse beschäftigt und dort zunächst zuständig für die in- und externe Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen. Ab 2015 verantwortete sie als Head of Group Sustainability das konzernweite Nachhaltigkeitsmanagement der Börse, in deren Rollen als internationaler Kapitalmarktorganisator, selbst börsengelistetes Unternehmen und DAX-Mitglied. Seit 2018 ist Kristina Jeromin außerdem Geschäftsführerin des Green and Sustainable Finance Cluster Germany. 2021 wechselte sie dann komplett in die Cluster-Geschäftsführung. Kristina Jeromin ist Mitglied des Sustainable Finance Beirats der deutschen Bundesregierung und war von 2019 bis 2021 dessen stellvertretende Vorsitzende. Sie ist außerdem Mitglied der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome.