Sustainable Finance: Das System braucht Qualifizierung

Das Thema Nachhaltigkeit stellt Unternehmen aller Branchen vor Herausforderungen. In der Finanzwelt wurde das ganz konkret durch Inkrafttreten einer neuen Richtlinie zur Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen im August deutlich. Dabei offenbarte sich großer Nachholbedarf beim Thema Sustainable Finance.

In vielen Branchen ist schnell erfasst, welche Rolle das Thema Sustainability spielt: Beim produzierenden Gewerbe liegt auf der Hand, dass Materialbeschaffung und Lieferketten im Sinne der Nachhaltigkeit bewertet und optimiert werden können. Im Finanzwesen sieht es etwas anders aus: Erst bei genauerer Betrachtung leuchtet ein, dass in einer immer stärker digitalisierten Welt jeder noch so abstrakte Prozess – auch die Transaktionen von Banken und Versicherungen – einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Folglich gibt es auch im Finanzsektor Handlungsbedarf in Bezug auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Nicht umsonst fordern immer mehr Regularien und Richtlinien klare Nachhaltigkeitsnachweise ein – etwa die EU-Transparenzverordnung 2019/2088, die Finanzinstitute und andere Finanzmarktteilnehmer verpflichtet, ihren Umgang mit Nachhaltigkeit offenzulegen. Doch nicht nur das Anlageportfolio von Banken und Versicherungen, auch die Unternehmen selbst müssen sich verändern: Die Finanz- hat viele Schnittstellen mit der IT-Branche, welche sich aktuell ebenfalls stark mit Klimaneutralität und nachhaltigeren Abläufen befasst. Denn der für IT-Prozesse anfallende Stromverbrauch durch Rechenzentren oder Cloud-Lösungen ist aktuell noch sehr hoch. Der Finanzsektor muss sich daher schnellstmöglich ein klares Bild über seine tatsächliche Rolle verschaffen und flächendeckend auf erneuerbare Energien umstellen – bei gleichzeitiger Einführung energiesparender Prozesse, so wie es erste Player vormachen.

Neue Richtlinie zeigt auf: Es gibt große Wissenslücken

Im August kam ein weiterer Aspekt dazu: Vermittler sind nun verpflichtet, die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden abzufragen und diese bei ihren Anlageempfehlungen zu berücksichtigen. Dazu ist die Klassifizierung nachhaltiger Finanzprodukte nun deutlich detaillierter. Wie reagieren diejenigen, die diese Richtlinie nun umsetzen sollen? Eine Umfrage von BVK GSN mit rund 300 Finanzberatern macht deutlich: Der Themenkomplex Nachhaltigkeit stößt auf großes Interesse, es gibt aber enorme Informationsdefizite. Zwar sagen 75 Prozent der Befragten, sie seien aus voller Überzeugung am Thema interessiert. Allerdings fühlen sich 71 Prozent der Befragten gar nicht oder wenig über Vorgaben zu Inhalt, Ablauf und Dokumentation des Beratungsprozesses im Bereich Nachhaltigkeit informiert. Um die Beurteilung einzelner Produkte in puncto Nachhaltigkeit steht es ähnlich – hier fühlen sich bisher nur vier Prozent der Umfrageteilnehmenden vollständig informiert. Diesen Wissenslücken muss sich der Sektor dringend annehmen, damit der Wandel zu einem nachhaltigeren Finanzsystem gelingt.

Mit Qualifikation diejenigen befähigen, die den Wandel tragen müssen

Denn wer Wandel herbeiführen möchte, muss alle dabei mitnehmen, die diesen täglich leben und umsetzen sollen. Im konkreten Fall gilt es also, flächendeckendes Wissen bei den Maklern aufzubauen, damit sie heute und in Zukunft in der Lage sind, ihren Aufgaben so nachzukommen, wie es die Gesetzgeberin wünscht und eine nachhaltigere Ausrichtung unserer Wirtschaft auch grundsätzlich einfordert. Daher täten die Finanz- und Versicherungsinstitute gut daran, ihren Angestellten durch betriebliche Weiterbildung Zugang zu genau diesem Wissen zu verschaffen. Diesen Bedarf untermauert auch das ifo Bildungsbarometer 2022: 77 Prozent der Befragten sprachen sich hier für einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung über den Arbeitgebenden aus. Die aktuelle Richtlinie und die dazu ermittelten Wissensdefizite sind nur ein Symptom, allerdings wissen wir alle: Es wird nicht bei den aktuellen Vorgaben bleiben, sondern immer mehr Wissen um Nachhaltigkeit notwendig sein.

Wissensaufbau ist das A & O: Nachhaltigkeit müssen alle im Unternehmen lernen

Daher reicht es auch nicht aus, nur ausgewählte Experten zu qualifizieren: Nachhaltigkeit ist ein tiefgreifendes Transformationsthema und wirkt sich früher oder später auf alle Bereiche aus. Deshalb müssen alle im Unternehmen die Notwendigkeit des Wandels durchdringen und daran mitarbeiten –nur auf dieser Basis können nachhaltige Denk- und Verhaltensweisen zum neuen Standard der deutschen Wirtschaft und Finanzwelt werden.

Autor:in

  • Christopher Jahns ist Gründer und CEO der Online-Education-Plattform XU sowie Mitinitiator der staatlich anerkannten XU Exponential University of Applied Sciences. Der Wirtschaftsexperte ist überzeugt, dass Nachhaltigkeit einer der Innovations-, Wettbewerbs- und Jobmotoren der Zukunft ist. Aus dieser Überzeugung ist gemeinsam mit ClimatePartner kürzlich ein passendes Weiterbildungsangebot entstanden, mit dem der erste Schritt zum nachhaltigen Unternehmenswandel gelingen kann: die XU School of Sustainability.