Regulierung in Papierform Reporting

Raus aus dem Bad-News-Karussell: Verantwortungsvollen Umgang mit ChatGPT

Der Ruf der Presse ähnelt einer alten Dramaqueen. Eine, die bislang gewöhnt ist, von Krieg in Krise und zum nächsten Konflikt zu stürzen: Maßlos und einseitig in ihrem Urteil, ihre Nachrichten mit negativem Fokus überwiegen. Schreckliche Geschehnisse in der Welt können nicht weg ignoriert oder gar geleugnet werden. Aber für die neue Generation an Journalisten stellt sich die Frage, wie sie im digitalen Wandel konstruktiv und lösungsorientiert vorgehen können. Es ist Zeit für ein resilientes Mindset.

Medien schaffen Wirklichkeit in den Köpfen der Leser, darin sind sich Medienwissenschaftler einig. Falsche Ausgewogenheit in der Berichterstattung kann zur verzerrten Weltsicht der Konsumenten führen. Unwahrheiten, aus dem Kontext gerissene Statistiken und irreführende Meldungen begünstigen den Glauben an Verschwörungstheorien. Durch Algorithmen sausen die Menschen plötzlich massenweise „Down the Rabbit Hole“ und jagen wie Alice im Wunderland von einem Gedankengebäude ins nächste. Das alte Verhältnis zwischen den Medien und dem Publikum ist obsolet. Ihre Rolle als „Vierte Gewalt“ spielen die Medien nicht mehr nur allein. Eine Stimme in der Öffentlichkeit hat inzwischen auch Hinz und Kunz. Denn heute kann praktisch Alt und Jung direkt vom Spielfeldrand als Hobby-Reporter mittickern. Diese Entwicklung birgt Chancen und Risiken zugleich.

Gemeinschaftsprojekte wie „Die GuttenPlag Wikis“ sind möglicherweise wegweisend für eine frische Herangehensweise im Umgang mit Informationen und deren Überprüfung. Neue publizistische Netzangebote und alte Medien könnten sich durch eine Art „World Wide Web-Kollektiv“ miteinander verkoppeln, statt gegeneinander zu wettern.

Das European Fact-Checking Network (EFCSN) beispielsweise ist ein Netzwerk von europäischen „Überprüfungs-Organisationen“. „EFCSN” erarbeitet gemeinsam mit rund 50 weiteren Organisationen aus ganz Europa journalistische Standards. Solcherart Vereinigungen tragen dazu bei, eine demokratische, offene Gesellschaft zu stärken.

Verantwortungsbewusste Entscheidungen mit mehr Haltung statt Meinung

Immer öfter lesen wir von radikalen Protestbewegungen und Pöbeleien statt argumentativem Austausch. Genug Anlass spätestens jetzt zu erkennen, dass in der Berichterstattung ein grundsätzlicher Strategiewechsel dringend notwendig ist. Schritt für Schritt, denn Journalismus ist kein Produkt, sondern ein kultureller Prozess. Prozesse und Veränderungen beinhalten Übergangsphasen. Vor wenigen Jahren noch ging es fast nur um Reichweite: „If it bleeds, it leads!“ Das Thema Clickbaiting ist aus Marketing-Sicht interessant, gehört jedoch nicht als Haltung in den Redaktionsalltag von Reportern oder Journalisten. Ganz zu schweigen von verschwendeter Lebenszeit der User, wenn ihnen mit reißerischen Claims Beiträge ohne Mehrwert und Nutzen wie billiges Fastfood zugeschoben wird. Journalisten sollten gewissenhaft der Aufgabe nachgehen, bedeutungsvoll von belanglos für die Leser zu trennen und zu kuratieren.

Viele der bisherigen Vorgehensweisen haben eine enorme politische und wirtschaftliche Wirksamkeit. Diese Überzeugungskraft belegt auch eine Studie der Stockholmer Forscher Thomas Eisensee und David Strömberg: Sie untersuchten, wie US-Medien über rund 5.000 Ereignisse in den Jahren zwischen 1992 und 2002 berichtet haben. Das Ergebnis: Über Katastrophen der gleichen Intensität wird je nach Nachrichtenlage ganz unterschiedlich intensiv berichtet. Ob und in welchem Umfang den Opfern dann geholfen wird, wird ebenfalls durch die Berichterstattung bewegt. Reporter tragen somit eine Mitverantwortung für die Gesinnung der Menschen.

Journalismus auf Augenhöhe – mit Expertenwissen und zeitgemäßen Ansätzen

Spätestens seit dem ersten Lockdown März 2020 wurde die Presse selbst zum Gegenstand öffentlicher Debatten. Die gute Nachricht: Die Aufregung hat sich gelegt. Seit neuestem wissen wir, dass die Medien wegen der Berichterstattung wieder an mehr Vertrauen gewonnen haben, so eine Langzeitstudie der Unis Mainz und Düsseldorf. Der Grund liegt scheinbar im Journalismus auf Augenhöhe. Wenn sich also Medienmacher nicht als allwissend positionieren, indem sie sich nicht mit Wissenschaftlern oder Experten auf eine Stufe stellen, sondern Raum dafür lassen, dass bei laufenden Forschungen, wie bei Covid 19, kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann, schafft das Glaubwürdigkeit. Echtheit wird auch durch gute Botschaften vermittelt.

Hinzu kommt: Misstrauen wirkt giftig und das entsteht vor allem dann, wenn Menschen Informationen fehlen. Wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Sorgen und Probleme nicht angesprochen werden. Wenn nur noch Schlechtes berichtet wird, obwohl auch Gutes passiert. Zeitgemäße Ansätze finden sich in den USA oder in Dänemark und etablieren sich allmählich auch in deutschen Redaktionen: Liveblogs zum Beispiel werden mehr und mehr für gute Nachrichten genutzt, wie es z. B. die SZ und die Zeit machen. Aber auch die ARD Aktuell und Deutsche Welle beteiligen sich an Initiativen zur Durchführung (investigativer) journalistischer Projekte.

Aus einer Analyse des britischen Guardian, der schon einige Jahre konstruktiven Journalismus erprobt, wird deutlich: Konstruktive Artikel werden ausführlicher gelesen, und die Chance, dass Konsumenten solche Inhalte teilen, ist herausragend hoch. Das steigert unweigerlich die Verkaufszahlen. Vertrauensbildend wirkt zudem, dass die allermeisten Medien nach oder sogar vor einer Presseratsbeschwerde Fehler transparent korrigieren. Das ergab der Jahresbericht 2021 des „Organs der Freiwilligen Selbstkontrolle der Presse“. Löblich, denn: “Die Fähigkeit zur Selbstkorrektur in der Wissenschaft sei eine der Juwelen in der Krone der Menschheit“, betonte 2017 die niederländische Wissenschaftsministerin Jet Bussemaker in ihrer Rede zur Integrität.

Gegen News Fatique und Vertrauensverlust helfen wissenschaftliche Herangehensweisen

Durch den reißenden Fluss an Informationen nehmen besonders junge Menschen Nachrichten als ermüdend und deprimierend wahr. Das ergab eine Vertrauensstudie von Bayer Vital zur Erhebung zum Vertrauen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland:

  • Mehr als ein Drittel der Jugendlichen vermutet, dass die Medien absichtlich wichtige Informationen zurückhalten (37,9 Prozent) und nur ihre eigene Meinung verbreiten (32,8 Prozent).
  • Auch das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen, wie z. B. Behörden oder politische Organisationen ist unter Jugendlichen nur mäßig ausgeprägt. Nur jeder zweite Jugendliche vertraut der Bundesregierung (53,9 Prozent) oder den Vereinten Nationen (54,0 Prozent).
  • Deutlich höheres Vertrauen genießen dagegen Wissenschaftler (76,1 Prozent), Gerichte (76,2 Prozent) und Polizei (79,9 Prozent).

Unterschiedliche Ansichten, Interpretationen und Meinungen müssen für guten Journalismus nicht gegeneinander ausgespielt werden. Denn Unklarheit führt zu Verunsicherung und dies wiederum zu Vertrauensverlust. So dreht sich das Drama-Karussell weiter. Stattdessen könnte es wieder wie in der Wissenschaft helfen, lediglich zu erklären, dass es zu ein und demselben Sachverhalt mehrere Anliegen oder Theorien gibt.

Vertrauen und Veränderung schaffen: Das Fundament für konstruktiven Journalismus

Probleme gibt es in jeder guten Familie. Den Unterschied macht, wie wir mit ihnen umgehen. Eine frische Herangehensweise im Umgang mit Informationen und deren Überprüfung tut not. Es ist dringend notwendig, Engagement für Veränderungen zu schaffen und dem Ruf nach mehr Vielfalt in der Medienlandschaft mit Pioniergeist zu folgen. Folgen sollten Strategien, formalisierte Konzepte und erkennbare Maßnahmen, um dem Journalismus wieder die nötige Konstruktivität zu verleihen. Nur auf diese Weise können wir auf dem Fundament einer ausgewogenen Berichterstattung aufbauen, um auch das Vertrauen der jüngeren Generation zu gewinnen. Erwachsene und alte Systeme sollten weiter offen sein und bereit sein zu lernen. Der Prozess hört nie auf. Die Demokratie braucht wieder Reporter, die die Menschen informieren und damit die politische Meinungsbildung ermöglichen.