Krypto-Experte Hartmut Giesen: Blockchain wird nachhaltiger

Mit dem „Merge“ genannten Umstieg der Ethereum-Blockchain auf ein neues Validierungsverfahren wird ein großer Teil der Kryptowirtschaft nachhaltiger – und leistungsfähiger. Es wird nicht nur ein gewaltiger Energieverbrauch abgeschaltet. „Das Ethereum-Netzwerk wird wesentlich schneller und günstiger“, sagt Hartmut Giesen, Krypto-Experte bei der Hamburg Sutor Bank. „Ether kann deshalb mittelfristig den Bitcoin als wichtigste Kryptowährung ablösen.“ Das zeigen auch die Transaktionszahlen.

Infrastruktur wird nicht nur nachhaltiger, sondern auch kostengünstiger

Der Schwenk vom energiehungrigen Proof-of-Work zum einfacheren Proof-of-Stake als Validierungsverfahren der Ethereum-Blockchain ist ein wichtiger Schritt zu einer nachhaltigen, dezentralen Infrastruktur für die tokenisierte Finanzwirtschaft. „Immerhin fällt ein Stromverbrauch vergleichbar mit dem der Niederlande einfach weg“, sagt Giesen. „Der Betrieb der Blockchain wird aber nicht nur preiswerter, weil weniger Strom verbraucht wird.“ Auch die Kosten für die Hardware sind geringer: Für die Proof-of-Work-Verfahren sind teure Spezialrechner notwendig, für Proof-of-Work reichen einfache PCs.

Hartmut Giesen

Hartmut Giesen ist bei der Sutor Bank u. a. für Krypto/ Blockchain zuständig.

Zudem wird mit dem Merge auch der Weg für weitere Optimierungen geebnet. So soll die Leistungsfähigkeit des Ethereum-Netzwerks mittelfristig auf bis zu 100.000 Transaktionen pro Sekunde steigen, kündigt der Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin an. Zum Vergleich: Das Bitcoin-Netzwerk schafft etwa sieben Transaktionen pro Sekunde, das Ethereum-Netz bislang rund 15. „Das hat dafür gesorgt, dass aufgrund der starken Nachfrage nach Transaktionen deren Preis zum Teil in die Hunderte Dollar stieg – kaum noch rentabel für viele Anwendungen“, so Giesen.

Ether könnte auf absehbare Zeit zur stärksten Kryptowährung werden

Denn bereits jetzt hat sich Ethereum zur führenden Infrastruktur für dezentrale, zum Teil sehr mächtige Anwendungen entwickelt, vor allem, aber nicht nur im Finanzsektor. „Schon heute basieren die meisten Anwendungen aus den Innovationsgebieten Defi, Metaverse, NFT oder Identity auf der Ethereum-Blockchain“, sagt Giesen. Gebremst wurde der Siegeszug von Ether durch Überlastung und teure Netzwerkgebühren, die viele Use Cases unmöglich machten. „Der technologische Vorsprung verbunden mit den Netzwerkeffekten, von denen Ethereum mit dem größten Entwickler- und Nutzer-Ökosystem stark profitiert, könnte Ether auf absehbare Zeit zur stärksten Kryptowährung machen“, sagt Giesen.

Ether und Bitcoin stellen seit Jahren die beiden nach Marktkapitalisierung und Handelsvolumen stärksten Kryptowährungen dar. „Die konzeptionelle Kluft zwischen diesen wird sich durch den Merge vertiefen, es entstehen zwei technologische Blöcke mit Auswirkungen auf die Wertentwicklung der jeweiligen Währungen“, sagt Giesen. Mit Bitcoin kauft man eine digitale Einheit, deren Wert aus den Investments in Technik und Energie sowie dem Glauben gespeist wird, dass es ein Wertspeicher ist – vom Charakter her ähnlich einer Anlage in Gold.

„Ether dagegen ist viel mehr ein Investment in die Zukunft einer technischen Infrastruktur“, so Giesen. „Damit ähnelt Ether eher dem Investment in Technologie-Aktien, also in ein Produktivvermögen.“ Investments in Bitcoin oder Ether sind damit Anlagen in zwei verschiedenen Anlageklassen, auch wenn sie vordergründig beide zu den Kryptowährungen gehören.

Ether-Preis hat sich vom Bitcoin-Preis entkoppelt – Ether-Handelsvolumen steigt

Dass Ether aufholt und vielleicht sogar zum Überholen ansetzt, scheinen die Anleger bereits zu sehen: „Zwar kann man nicht davon sprechen, dass Ether eine reinrassige Rallye hingelegt hätte – dafür ist der Kurs zu volatil und die makroökonomischen Randbedingungen zu schwierig“, sagt Giesen. „Aber sein Preis hat sich deutlich vom Bitcoin-Preis entkoppelt.“ Ether war seit Anfang Juli zwischenzeitlich um knapp 100 Prozent gestiegen und liegt aktuell immer noch gut 60 Prozent im Plus, während Bitcoin so gut wie stagnierte.

Auch die Handelsdaten der Sutor Bank zeigen diese Entwicklung: Im August lag das Handelsvolumen von Ether nur noch zehn Prozent hinter dem von Bitcoin, im Juli betrug der Abstand 27, im Juni sogar 60 Prozent. Auch im Gesamthandelsportfolio mit 13 Währungen hat Ether mit 32 Prozent Anteil den höchsten Jahreswert erreicht, im Jahresschnitt lag der Anteil bei rund 25,5 Prozent. Bitcoin führt noch knapp mit einem Anteil vom 36 Prozent. „Das unterstreicht die Entwicklung hin zu einer Welt aus zwei verschiedenen Blöcken von Kryptowährungen mit unterschiedlichen Funktionen – und zu einer Welt, bei der Ether dem Bitcoin den Rang abläuft“, sagt Giesen.

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