Nachhaltigkeitsdilemma: Krisenbedingte Abschwächung der Vorgaben

Die Mehrheit der Betriebe sieht die Supply Chain durch strenge Nachhaltigkeitsvorgaben in Krisenzeiten unnötig stark verteuert. 77 Prozent sprechen sich für eine temporäre Lockerung aus, um die enormen Preissteigerungen zu bewältigen.

Wie eine Horváth-Studie unter 150 Top-Führungskräften großer europäischer Unternehmen zeigt, sieht eine große Mehrheit in der aktuellen Rohstoff- und Energiekrise eine Zäsur auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. 90 Prozent bezeichnen die anhaltenden Versorgungsengpässe als große Hindernisse, die der Erreichung von Nachhaltigkeitszielen im Weg stehen. Acht von zehn Befragten geben zu, dass aktuelle Lösungen zur Sicherung der Supply Chain nicht vollständig kompatibel mit ihrer Nachhaltigkeitsstrategie sind. Ebenso viele sagen, dass das Festhalten an den strengen Nachhaltigkeitsvorgaben die Supply Chain unnötig verteuern, was in der angespannten konjunkturellen Lage das entscheidende finanzwirtschaftliche Zünglein an der Waage sein kann. All diese Faktoren führen dazu, dass sich 77 Prozent für eine temporäre Lockerung von Nachhaltigkeitsvorgaben aussprechen, um die massiven Preissteigerungen bewältigen und die Versorgungssicherheit aufrechterhalten zu können.

„Plakativ formuliert liegt Nachhaltigkeit gerade auf Eis und rückt frühestens im Februar wieder auf die Agenda, je nachdem wie kalt der Winter wird“, sagt Matthias Deeg, Partner und Experte für Green Transformation bei der Managementberatung Horváth. „Die Bewältigung der Energiekrise steht über allen strategischen Themen.“ Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Unternehmen Sustainability grundsätzlich für überflüssig halten. „Von der Notwendigkeit und Zukunftsrelevanz von Nachhaltigkeit sind die Unternehmen überzeugt und versuchen daher, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“, so Horváth-Experte Deeg. „Durch die Lokalisierung der Wertschöpfungsketten soll nicht nur die Versorgung resilienter aufgestellt werden, sondern auch Nachhaltigkeit gefördert werden, so der Plan der Unternehmen.“

Nachhaltigkeit soll durch Lokalisierung vorangetrieben werden

Laut Studie arbeiten 85 Prozent der Teilnehmenden daran, ihre Wertschöpfungsketten von Produktion bis Vertrieb künftig stärker in den jeweiligen Absatzmärkten zu bündeln (“local for local“). Europa steht dabei bei der Mehrheit der Unternehmen im Fokus. Als Top drei Gründe dafür werden „Versorgungssicherheit“ (56%), „politische Stabilität“ (54%) und „Nachhaltigkeit“ (53%) mit vergleichbaren Werten genannt. 90 Prozent der Führungskräfte gehen zudem davon aus, dass die Lokalisierung beziehungsweise Rückbesinnung auf den europäischen Wirtschaftsraum einen positiven Effekt im Bereich Nachhaltigkeit haben wird. 80 Prozent glauben daran, dass sich eine lokale Kreislaufwirtschaft etablieren wird, die einen großen Beitrag zur CO2-Reduktion und Abfallvermeidung beitragen wird.

Horváth-Partner und Energieexperte Matthias Deeg bremst diese Erwartungen: „Eine Lokalisierung der Wertschöpfungskette allein kann nicht die Lösung sein. Es wird immer Ressourcen geben, die grenzüberschreitend bezogen werden müssen. Dafür braucht es klare Nachhaltigkeitsvorgaben, aber auch für innereuropäische Bezugssysteme“, so Deeg. „Außerdem sollten trotz Energiekrise nicht komplette Nachhaltigkeitsstrategien on hold gesetzt, sondern allenfalls bewusste Abstriche gemacht werden. Sonst sind alle Wettbewerbsvorteile bis zum Frühjahr dahin.“

Über die Studie: Für die aktuelle Horváth-Studie wurden 150 Topführungskräfte aus sechs europäischen Ländern befragt, davon 100 aus Deutschland. Die Befragten stammen aus Unternehmen mit mindestens 200 Millionen Euro Jahresumsatz, branchenübergreifend. Die Interviews wurden Ende des 2. Quartals 2022 erhoben und im Oktober 2022 ausgewertet.