„Sustainable – Fintechs unter Zugzwang“

Seit Jahren befindet sich die Reputation des Finanzsektors in einer Abwärtsspirale. Den größten Dämpfer erhielt die Branche mit der Finanzkrise 2008, als deren Exzesse, absurde Finanzprodukte, übertriebene Versprechungen und schiere Gier die Weltwirtschaft auf Jahre in eine Talfahrt schickten. Doch danach wurde es nicht besser: Vertrauten laut dem Marktforschungsinstitut Dialego 2019 noch 41 Prozent der Bevölkerung dem Finanzsektor, sank dieser Wert vergangenes Jahr auf 33 Prozent. Einzig Handelsunternehmen (32 Prozent) und Versicherungen (23 Prozent) hatten einen noch deutlicheren Vertrauensschwund zu verzeichnen.

Fintechs: Disruption im Business – Old-School bei Geschäftszielen

Autor: Malte Rau ist CEO und Co-Gründer des Berliner Fintechs Pliant. Seit über zehn Jahren arbeitet er im Fintech- und Bankenbereich mit Stationen bei KPMG, der Kreditkartenplattform Auxmoney und Rocket Internet.

In meinen Augen ändert daran auch und ausgerechnet die Fintech-Szene nicht viel – was sie aber sollte: In disruptiver Manier ist sie zwar angetreten, Geschäftsmodelle auf den Kopf zu stellen, Kunden zeitgemäßer anzusprechen, Arbeitsprozesse und -methoden zu revolutionieren, ja die gesamte Arbeitskultur neu aufzustellen. Doch geht es ums harte Geschäft, ist sie plötzlich ganz Old-School und klammert sich an hohe Gewinnmargen, starke Umsätze und vielversprechende Börsengänge. Hier gehen der Businessfokus und vor allem das Tempo sogar weit über das hinaus, was man von Etablierten kennt.

1994 bezeichnete der Deutsche Bank-Chef Hilmar Kopper die nicht bediente Kreditsumme von 50 Millionen D-Mark eines legendären Pleitiers als „Peanuts“ – ein verheerender Spruch, der dem Institut bis heute anhängt und 1994 zum Unwort des Jahres avancierte. Als 2009 der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann für „25 Prozent Eigenkapitalrendite“ eintrat, gab es einen Aufschrei im Land, so sehr es betriebswirtschaftlich auch verständlich war. Über solche Renditeziele jedoch können heutige Fintechs nur lachen, deren Motto eher „The sky is the limit“ ist. Keine guten Voraussetzungen für eine Kehrtwende beim Image, das immer noch unter einer massiven Legitimationskrise leidet.

180-Grad-Wende der Fintech-Szene nötig

Um den ramponierten Ruf zu beenden, bräuchte es vielmehr in mehrfacher Hinsicht nachhaltige Lösungen für eine umweltfreundlichere Finanzbranche. Mehr noch: Die Legitimation der gesamten Finanzbranche steht und fällt meiner Meinung nach mit der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte. Innovative Produkte, hohe Nutzerzahlen und steigende Gewinne allein werden nicht ausreichen, um die Glaubwürdigkeit von Finanzdienstleistern zu gewährleisten. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Fintech-Szene mehr regenerative Lösungsansätze fahren muss. Und dabei spreche ich ausdrücklich nicht von Greenwashing, das naturgemäß kontraproduktiv wirkt.

Nutzer werden Nachhaltigkeitskriterien künftig einen genauso hohen Stellenwert widmen, wie einer Super-App, tollen Konditionen und attraktiven Cashbacks. Weite Bereiche der deutschen Wirtschaft, vor allem der Industrie und des Automobilbaus, haben den Schuss gehört und werfen ihre gesamten Geschäftsmodelle um. Ausgerechnet die viel jüngere Fintech-Szene scheint die Schwerpunkte anders zu legen und weiter grenzenlosem Wachstum nachzujagen. Fatal. Auch hier sollte eine Vollbremsung mit anschließender 180-Grad-Wende eingelegt werden.

Keine Peanuts

Ein Beispiel aus unserem Unternehmensalltag: Das Kernprodukt von pliant sind Firmenkreditkarten, die auch auf Dienstreisen genutzt werden. Unser traditionelles Ziel müsste es also sein, sich über so viele Geschäftsreisen – und entsprechende Ausgaben – wie möglich zu freuen. Das entspricht aber nicht unseren Überzeugungen und Werten. Denn solche Reisen werden sich, allein schon wegen der Klimapolitik und der damit verbundenen Kosten, erheblich verändern müssen. Nicht zu reisen – da, wo es möglich ist –, ist nach wie vor am besten. Die dann noch notwendigen Trips sollten hingegen besser gestaltet werden. Wir bei pliant bieten unseren Kunden wiederum die Möglichkeit, ihr Cashback in CO2-sparende Umweltschutzmaßnahmen zu investieren.

Fintechs müssen wie bei ihren bahnbrechenden Produkten und Dienstleistungen auch bei der Nachhaltigkeit Vorreiter sein. Die Kunden werden dies schätzen, ja mehr und mehr ausdrücklich verlangen. Nicht nur Gewinn und Finanzierungsrunden zählen, sondern auch der Impact auf das größte, wichtigste und brennendste Thema unserer Zeit. Und das sind alles andere als Peanuts.